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Freitag, 28. September 2007

Im Vorübergehen / En passant / Passing by

Robert Doisneau


"The photographer must be absorbent like a blotter, allow himself to be permeated by the poetic moment …
His technic should be like an animal function […] he should act automatically."

"Ein Photograph muss saugfähig sein wie Löschpapier, so dass er vom poetischen Augenblick völlig durchdrungen wird …
Seine Technik sollte wie ein instinktives Verhalten sein […] er sollte automatisch handeln."
ROBERT DOISNEAU

Robert, Doisneau, Le Baiser de l’Hôtel de Ville


Dieses Foto ist nicht nur eines seiner bekanntesten, es zeigt auch, dass DOISNEAU gerne als Flaneur, als Straßenfotograf vor allem in Paris unterwegs war.
Von den zig tausenden Fotos, die DOISNEAU im Laufe seines Lebens aufnahm, waren nach seiner Meinung nur 300 gut.
Wenn er jedes von diesen Fotos in einer 1/100 einer Sekunde aufgenommen hat, hieße das, so DOISNEAU, "dass er in nur 3 Sekunden die erfolgreiche Arbeit eines 50 jährigen Berufsleben erledigt habe".

ROBERT DOISNEAU
starb 1994.


zur Frage "gestellter" (staged) Straßenfotografie ein Nachtrag von Lars K. Christensen:
In 1988 Doisneau was sued by a couple who claimed to be the persons kissing in ”The kiss” and who wanted royalties. A court decided that their claim was false. However, the publicity made another couple show up – which were in fact those on the picture. In order to avoid paying them a huge royalty, Doisneau had to produce proof that they had in fact been paid to model when the photo was taken – thus allso admitting that it was staged.
In fact, Doisneau admitted that most of his photos of couples kissing taken during the 50’s was staged. He said that he did that, because he feared juridical problems if he had photographed “real” situations. But he also defended himself by stating, that he had carefully observed real lovers, before staging the scenes. So I guess you are right, that he was fond of kissing ;-)
BTW: I've read this story in H-M Koetzle: "Photo Icons", Taschen 2005.

Thanks Lars!

Samstag, 14. April 2012

Zum 100. Geburtstag von Robert Doisneau

Robert Doisneau • © Bracha L. Ettinger


Einer unserer "Großen" wäre heute 100 Jahre geworden.
Robert Doisneau war gerne als Flaneur, als Straßenfotograf vor allem in Paris unterwegs.


Von den zig tausenden Fotos, die Doisneau im Laufe seines Lebens aufnahm, waren nach seiner Meinung nur 300 gut.

Wenn er jedes von diesen Fotos in einer 1/100 einer Sekunde aufgenommen hat, hieße das, so Doisneau, "dass er in nur 3 Sekunden die erfolgreiche Arbeit eines 50 jährigen Berufsleben erledigt habe".


Auch er überschritt – wie W. Eugene Smith – die Grenzen der faktischen Erscheinung, um "sein Bild" zu verwirklichen.



Donnerstag, 1. November 2007

Schein und Wirklichkeit - eine Antwort

Ich finde, den ausführlichen Kommentar von Lars zu "Schein und Wirklichkeit" so interessant, dass er hier als eigener Artikel zu erscheint:

Appearance and reality - an answer

First of all I must admit that unfortunately I have never read the famous text by Barthes that you refer to. But at least in what you quote him for here, I think he’s wrong. It’s simply not meaningful to talk about the noema of photography in such general terms. Modern human beings are used to live in a world filled with inputs and impression from lots of different sources and with different, often conflicting content. Most of us constantly and more or less automatically evaluate these inputs in relation to a number of parameters, such as what is the context, who is the sender, etc. And we attribute different meanings - or noema - to different objects, according to these evaluations.

If we are reading a serious newspaper, and see a photo of hunger in Africa or war in Iraq, most of us expect it to reflect some kind of reality - that what we see has an existence outside the scope of a photo-session. If we see a picture on a billboard of a glamorous person advertising a new beauty product, most of us know it’s a totally different matter.

I’m not saying that press photography is not subjective or that advertising doesn’t work. What I’m saying is that we evaluate photos in relation to genres – and that different genres have different “rules”. Criticizing an art photo for being staged doesn’t make sense – criticizing a press photo for being staged makes very much sense.

What makes cases such as Doisneaus Le baiser and Capas Dead of a loyalist soldier controversial is that they seem to break the rules of the genre – in this case by being staged (Doisneau) or at least being accused of being so (Capa). Sometimes it works the other way around – as when “reality” is used in advertising, such as the use of refuges, AIDS-patients or starving children in Bennetton-campaigns.
What also happens is that a photo which was originally “born” into one context is sometimes transferred into another. Capa’s photo, which was originally "just" a report of a specific incident in the Spanish civil war, evolved into a sort of icon for the fight against Franco and fascism. And in this new context, the question of whether it was staged or not, is in fact of lesser importance. Doisneau’s photo became an icon for the joyful life in postwar Paris – and again, its connotations are no less powerful even now, when we know for sure that it was staged.

I’m not in favor of abandoning any claim to photography about being “real”. When a photographer presents his or her work as belonging to the documentary-genre, it’s only fair to expect that the photo lives up to the conventions of this genre, such as not being staged, manipulated, etc. On the other hand, absolute objectivity does not exist in photography. A photograph always shows a portion of the world, selected by the person who held the camera.

Maybe in the end it is this ambiguity, this inability of the photo to be neither totally objective nor totally subjective, which makes it such a fascinating medium?

Lars K. Christensen

Freitag, 26. Oktober 2007

Schein und Wirklichkeit



Ich stehe auf Sinnsprüche.
Und Sinnsprüche werden hier immer mal wieder zu finden sein!

Zum Beispiel auch der wichtigste Sinnspruch für uns Fotografen:
"Die beste Kamera ist die, die man dabei hat."
Je mehr man über diesen - banalen? - Satz nachdenkt, desto bewusster wird einem die abgrundtiefe Weisheit die dahinter steckt.
(Darauf komme ich mit Sicherheit gelegentlich zurück!)

Mao-Tse-Tung war auch für manchen Spruch gut: " Dem Volke dienen", das klingt nicht schlecht.

Spaßvögel lesen "Dem Volker dienen"! Das würde dem so passen!

Die revolutionären Italiener sagen: "Servire il popolo" und hast Du's nicht gesehen wurde daraus: "Servire il pollo".
Wer mag nicht gerne ein mit Rosmarin und Thymian gebratenes Hühnchen?

Mao sagte auch, der Revolutionär solle im Volke "schwimmen wie ein Fisch im Wasser".
Nach dem "langen Marsch" schwamm er gern im Yangtse.
Allerdings, wenn ich mir dieses Foto"dokument" von 1966 anschaue, habe ich so meinen Zweifel, ob Mao tatsächlich mit den Fischen schwimmt.
Ob sein Kopf (und die der Anderen) einfach nur etwas schlampig aufs unscharfe Foto geklebt wurde?


Roland Barthes, Literaturkritiker, Schriftsteller und Philosoph, schrieb in seinem Buch Die helle Kammer. Bemerkungen zur Fotografie:
"Das Noema (Sinn-, Erkenntnisgehalt) der PHOTOGRAPHIE ist schlicht, banal, hat keine Tiefe: "Es ist so gewesen."
Ist es tatsächlich so gewesen?

Der große Kollege und Straßenfotograf Robert Doisneau, musste ausgerechnet bei seinem bekanntesten Bild "Le baiser de l'Hotel de Ville" eingestehen, dass das Foto kein "candid-shot", kein
Schnappschuss, sondern eine nachgestellte Szene war.

Und wer in seinen Bildbänden blättert, dem fällt auf,
dass er für Kuss-Szenen ein auffallendes Faible hatte. Gab es da noch mehr "staged photography"?


Oder erinnern wir uns an das berühmte Foto des Magnum-Mitbegründers Robert Capa: "Dead of a loyalist soldier".

Dieses Foto war und ist der Auslöser für heiße Debatten darüber, ob es nun gestellt war oder "echt" ist.

Tatsache ist, ob gestellt oder nicht, dieses Foto war im Spanischen Bürgerkrieg von großer Bedeutung für den Kampf gegen die Faschisten.

Und gehört heute, wie Doisneau's Foto auch, zu den Bild-Ikonen unseres Jahrhunderts.


Erwarten wir wirklich von der Fotografie, dass sie uns ein objektives, unverfälschtes, naturgetreues Abbild von der Wirklichkeit liefert?

Vergessen wir nicht einfach, eine ganz wichtige Frage zu stellen?

Eine Frage, die Kurt Tucholsky 1930 (unter seinem Pseudonym Peter Phanter in seinem Aufsatz "Neues Licht") knapp und treffend formuliert hat:
"Wer fotografiert?"
Und hinter dieser Frage steht eine ganze Reihe weiterer W-Fragen, die wir uns beim Betrachten von Fotos stellen sollten.

Vielleicht öffnet uns ein nachdenklicher Blick auf ein Bild von René Magritte die Augen.
"Dies ist keine Pfeife!"

„Ein Bild ist nicht zu verwechseln mit einer Sache, die man berühren kann. Können Sie meine Pfeife stopfen? Natürlich nicht! Sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich auf mein Bild geschrieben, dies ist eine Pfeife, so hätte ich gelogen. Das Abbild einer Marmeladenschnitte ist ganz gewiss nichts Essbares."

Gilt das nur für die Malerei?

Und ist unser Auge das passende Werkzeug, ist das Sehen der richtige Sinn, um Schein und Wirklichkeit auseinanderzuhalten?

"Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
schrieb Antoine de Saint-Exupéry hellsichtig.

Sollen wir - Liebhaber der Fotografie - unseren Gefühlen mehr trauen, als unseren Augen?

Riskieren wir einen frischen, unverstellten Blick auf die Wirklichkeit mit Gefühl und Verstand!


Ein schönes Wochenende mit Zeit zum Sehen, Fühlen, Fotografieren und Denken.


Thanks to Lars K. Christensen for an inspiring exchange of ideas.

Samstag, 24. November 2007

Im Vorübergehen / En passant / Passing by

The best photos, the ones that are remembered, are the ones that have first passed through the person's mind before beeing restored by the camera.

Die besten Fotos, diejenigen, an die man sich erinnert, waren zuerst im Kopf des Fotografen, bevor sie von der Kamera eingefangen wurden.
ROBERT DOISNEAU
Dialogue with Photography, Paul Hill & Thomas Cooper, 1979

Doisneau formuliert diesen Gedanken im Zusammenhang mit der Frage, welche Eigenschaften einen Fotografen ausmachen.
Disziplin und Geduld stehen dabei für ihn an erster Stelle. Er fühlt sich nicht als "Jäger von Bildern" sondern eher als Fischer.
Das Zitat ist meiner Meinung nach eine Umschreibung für die "Prävisualisierung" des entscheidenden Moments: der Angler wartet geduldig, bis der Fisch beisst, bis die Szene ihren "dramatischen" Höhepunkt erreicht.

Samstag, 26. Juli 2008

Im Vorübergehen / En passant / Passing by

"Der Photograph […] hat nur einen Augenblick zur Verfügung.
Er muss das Bild und den besten Ausschnitt im gleichen Moment erfassen. Dazu ist die Raschheit des Jägers nötig.
Es stimmt, dass ich nehme, aber ich stehle nicht und vergewaltige auch nicht.
Wenn ich jemanden vor meinem Apparat habe, versuche ich mit ganzer Seele, meine Pflicht ihm gegenüber zu erfüllen, indem ich nicht nur seine äußeren Züge aufnehme, sondern auch die ganze Größe seines inneren Ich."
EDOUARD BOUBAT 1923-1999



Edouard Boubat, gehörte zusammen mit W. Eugene Smith, Brassaï, Robert Doisneau, Willy Ronis u. a., zum großen Kreis der humanistisch geprägten, sozialdokumentarischen Fotojournalisten.

Für diese Fotografen standen immer Menschen im Mittelpunkt, ihr Leben, ihre Freuden und Leiden.
Und sie haben sich nicht nur als Dokumentaristen verstanden, sondern sich für die Anliegen der Menschen interessiert und ihnen über die Fotografie eine Stimme verliehen.

Boubat, der "Korrespondent des Friedens", war keiner der draufgehalten und viel "geschossen" hat. Er hat gewartet, geschaut und im entscheidenden Moment meistens "ins Schwarze" getroffen.

Seiner Fähigkeit zur stillen und unauffälligen Beobachtung, seiner Offenheit dem Vorgefundenen gegenüber verdanken seine Reportagen ihre stille Intensität.

Sonntag, 13. April 2008

Im Vorübergehen / En passant / Passing by

Le petit parisien - Foto: Willy Ronis


"Die Momente, die ich einfange, erheben keinen Anspruch auf eine universelle Wahrheit.
Sie geben meine wahrscheinlich ein wenig naive Sicht auf meine persönliche Welt wieder.
Es ist ein Gang in kleinen Schritten zu einer poetischen Darstellung des bescheidenen Glücks."

"The moments that I capture are not intended as some Universal Truth.
They express my - probably rather naïve - vision of my own personal universe.
They are small steps on the road toward a poetic representation of modest happiness."


Willy Ronis



Immer wenn ich die Fotografien von Willy Ronis anschaue, fühle ich mich in seiner Art zu sehen und zu fotografieren auf eine besondere Art zu Hause.

Er fühlte sich wie
Henri Cartier-Bresson und Robert Doisneau einer menschlichen Welt verpflichtet, interessierte sich für soziale Themen, war viel auf der "Straße" unterwegs, dokumentierte sensibel und poetisch das alltägliche Leben seiner französischen Landsleute.

Ronis war nie der "tough guy", der Starfotograf, der immer in der ersten Reihe steht - vielleicht ein Grund mehr, ihn sympathisch zu finden.


Nach Jahren voller Enttäuschungen und Krisen, wurde er 1970 auf den ersten "
Rencontres" in Arles vom fotobegeisterten Publikum "wiederentdeckt". Es folgten Ausstellungen, Publikationen, Ehrungen - und endlich die Anerkennung, die er und sein fotografisches Werk verdienen.

Willy Ronis gehört - auch wenn hierzulande nicht so bekannt - zu den ganz großen Fotografen unserer Zeit.