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Freitag, 26. Oktober 2007

Schein und Wirklichkeit



Ich stehe auf Sinnsprüche.
Und Sinnsprüche werden hier immer mal wieder zu finden sein!

Zum Beispiel auch der wichtigste Sinnspruch für uns Fotografen:
"Die beste Kamera ist die, die man dabei hat."
Je mehr man über diesen - banalen? - Satz nachdenkt, desto bewusster wird einem die abgrundtiefe Weisheit die dahinter steckt.
(Darauf komme ich mit Sicherheit gelegentlich zurück!)

Mao-Tse-Tung war auch für manchen Spruch gut: " Dem Volke dienen", das klingt nicht schlecht.

Spaßvögel lesen "Dem Volker dienen"! Das würde dem so passen!

Die revolutionären Italiener sagen: "Servire il popolo" und hast Du's nicht gesehen wurde daraus: "Servire il pollo".
Wer mag nicht gerne ein mit Rosmarin und Thymian gebratenes Hühnchen?

Mao sagte auch, der Revolutionär solle im Volke "schwimmen wie ein Fisch im Wasser".
Nach dem "langen Marsch" schwamm er gern im Yangtse.
Allerdings, wenn ich mir dieses Foto"dokument" von 1966 anschaue, habe ich so meinen Zweifel, ob Mao tatsächlich mit den Fischen schwimmt.
Ob sein Kopf (und die der Anderen) einfach nur etwas schlampig aufs unscharfe Foto geklebt wurde?


Roland Barthes, Literaturkritiker, Schriftsteller und Philosoph, schrieb in seinem Buch Die helle Kammer. Bemerkungen zur Fotografie:
"Das Noema (Sinn-, Erkenntnisgehalt) der PHOTOGRAPHIE ist schlicht, banal, hat keine Tiefe: "Es ist so gewesen."
Ist es tatsächlich so gewesen?

Der große Kollege und Straßenfotograf Robert Doisneau, musste ausgerechnet bei seinem bekanntesten Bild "Le baiser de l'Hotel de Ville" eingestehen, dass das Foto kein "candid-shot", kein
Schnappschuss, sondern eine nachgestellte Szene war.

Und wer in seinen Bildbänden blättert, dem fällt auf,
dass er für Kuss-Szenen ein auffallendes Faible hatte. Gab es da noch mehr "staged photography"?


Oder erinnern wir uns an das berühmte Foto des Magnum-Mitbegründers Robert Capa: "Dead of a loyalist soldier".

Dieses Foto war und ist der Auslöser für heiße Debatten darüber, ob es nun gestellt war oder "echt" ist.

Tatsache ist, ob gestellt oder nicht, dieses Foto war im Spanischen Bürgerkrieg von großer Bedeutung für den Kampf gegen die Faschisten.

Und gehört heute, wie Doisneau's Foto auch, zu den Bild-Ikonen unseres Jahrhunderts.


Erwarten wir wirklich von der Fotografie, dass sie uns ein objektives, unverfälschtes, naturgetreues Abbild von der Wirklichkeit liefert?

Vergessen wir nicht einfach, eine ganz wichtige Frage zu stellen?

Eine Frage, die Kurt Tucholsky 1930 (unter seinem Pseudonym Peter Phanter in seinem Aufsatz "Neues Licht") knapp und treffend formuliert hat:
"Wer fotografiert?"
Und hinter dieser Frage steht eine ganze Reihe weiterer W-Fragen, die wir uns beim Betrachten von Fotos stellen sollten.

Vielleicht öffnet uns ein nachdenklicher Blick auf ein Bild von René Magritte die Augen.
"Dies ist keine Pfeife!"

„Ein Bild ist nicht zu verwechseln mit einer Sache, die man berühren kann. Können Sie meine Pfeife stopfen? Natürlich nicht! Sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich auf mein Bild geschrieben, dies ist eine Pfeife, so hätte ich gelogen. Das Abbild einer Marmeladenschnitte ist ganz gewiss nichts Essbares."

Gilt das nur für die Malerei?

Und ist unser Auge das passende Werkzeug, ist das Sehen der richtige Sinn, um Schein und Wirklichkeit auseinanderzuhalten?

"Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
schrieb Antoine de Saint-Exupéry hellsichtig.

Sollen wir - Liebhaber der Fotografie - unseren Gefühlen mehr trauen, als unseren Augen?

Riskieren wir einen frischen, unverstellten Blick auf die Wirklichkeit mit Gefühl und Verstand!


Ein schönes Wochenende mit Zeit zum Sehen, Fühlen, Fotografieren und Denken.


Thanks to Lars K. Christensen for an inspiring exchange of ideas.

Donnerstag, 1. November 2007

Schein und Wirklichkeit - eine Antwort

Ich finde, den ausführlichen Kommentar von Lars zu "Schein und Wirklichkeit" so interessant, dass er hier als eigener Artikel zu erscheint:

Appearance and reality - an answer

First of all I must admit that unfortunately I have never read the famous text by Barthes that you refer to. But at least in what you quote him for here, I think he’s wrong. It’s simply not meaningful to talk about the noema of photography in such general terms. Modern human beings are used to live in a world filled with inputs and impression from lots of different sources and with different, often conflicting content. Most of us constantly and more or less automatically evaluate these inputs in relation to a number of parameters, such as what is the context, who is the sender, etc. And we attribute different meanings - or noema - to different objects, according to these evaluations.

If we are reading a serious newspaper, and see a photo of hunger in Africa or war in Iraq, most of us expect it to reflect some kind of reality - that what we see has an existence outside the scope of a photo-session. If we see a picture on a billboard of a glamorous person advertising a new beauty product, most of us know it’s a totally different matter.

I’m not saying that press photography is not subjective or that advertising doesn’t work. What I’m saying is that we evaluate photos in relation to genres – and that different genres have different “rules”. Criticizing an art photo for being staged doesn’t make sense – criticizing a press photo for being staged makes very much sense.

What makes cases such as Doisneaus Le baiser and Capas Dead of a loyalist soldier controversial is that they seem to break the rules of the genre – in this case by being staged (Doisneau) or at least being accused of being so (Capa). Sometimes it works the other way around – as when “reality” is used in advertising, such as the use of refuges, AIDS-patients or starving children in Bennetton-campaigns.
What also happens is that a photo which was originally “born” into one context is sometimes transferred into another. Capa’s photo, which was originally "just" a report of a specific incident in the Spanish civil war, evolved into a sort of icon for the fight against Franco and fascism. And in this new context, the question of whether it was staged or not, is in fact of lesser importance. Doisneau’s photo became an icon for the joyful life in postwar Paris – and again, its connotations are no less powerful even now, when we know for sure that it was staged.

I’m not in favor of abandoning any claim to photography about being “real”. When a photographer presents his or her work as belonging to the documentary-genre, it’s only fair to expect that the photo lives up to the conventions of this genre, such as not being staged, manipulated, etc. On the other hand, absolute objectivity does not exist in photography. A photograph always shows a portion of the world, selected by the person who held the camera.

Maybe in the end it is this ambiguity, this inability of the photo to be neither totally objective nor totally subjective, which makes it such a fascinating medium?

Lars K. Christensen

Mittwoch, 3. März 2010

Bilder die lügen - World Press Photo


World Press Photo hat den ukrainischen Fotografen Stepan Rudnik disqualifiziert.

Rudnik gewann den 3. Preis in der Kategorie Sport für seine Reportage "Steet fighting, Kiev, Ukraine".
Es wurde jetzt festgestellt, dass Rudnik einen Fuß aus einem Motiv herausretuschiert hatte.

World Press Photo hat seit letztem Jahr die Richtlinie, dass der Inhalt eines Bildes nicht verändert werden darf.

Ich erinnere mich an einen ähnlichen Fall in den USA.
Ein Sportfotograf hatte ein am Bildrand sichtbares Bein wegretuschiert, das er offensichtlich als störend empfand.
Der Fotograf war bei einer Tageszeitung fest angestellt und wurde entlassen.


und hier noch einige Gedanken zum Thema "Schein und Wirklichkeit"!

Sonntag, 4. November 2007

Foto-Impressionist?

Ein Thema, das zur selben Stunde wie die Fotografie geboren wurde: der Streit um Kunst, Handwerk und maschineller Reproduktion des Vorhandenen.

Ein Thema, das mich schon länger umtreibt und durch die Auseinandersetzung mit Carl Weese's "Working Pictures" immer wieder aufbricht:
Detail vs. Summe, naturgetreue Abbildung vs. generelle Wirkung, Identität vs. Ähnlichkeit,
Realismus vs. Symbolismus, pure (straight) photography vs. pictoralism.
Und letztendlich auch die Frage, ob der (An)Schein tatsächlich ein Betrug an der Wirklichkeit ist?


Canon EOS 5D mit EF 4/24-105mm - so fotografiert …

… aber so gesehen!



Die Foto-Impressionisten …
Sie fotografieren in einer skizzenhaften Art, die es ermöglicht, die Essenz des Objektes, und nicht Details, hervorzuheben

Sie entdeckten und betonten neue Aspekte der Wirkungsweise des natürlichen Lichts, vor allem die Reflexion des Lichtes und die Spektralfarben

Sie fotografieren meistens pleinairistisch, d.h. unter freiem Himmel

Ihre Bilder wirken oft ausschnitthaft. Damit soll nicht das gemalte Objekt als Ganzes, sondern die Wirkung des Lichts auf ihm betont werden. Darüber hinaus verleiht das dem Bild einen spontanen, flüchtigen Charakter

Bildtiefe entsteht durch Größenstaffelung, Farb- und Luftperspektive

Die Farbe wird zum primären Gestaltungsmittel, grafische Elemente traten in den Hintergrund

Sie fotografieren, ohne sich traditionellen Regeln oder Inhalten verpflichtet zu fühlen.


Canon EOS 20D mit Zuiko 2/24mm - so fotografiert …
… aber so gesehen!




Wer ist Foto-Impressionist?

Dienstag, 8. Juni 2021

Il a été ainsi.It was like that. Es ist so gewesen. IST ES SO GEWESEN?


Wir wissen, ein Unwetter hat stattgefunden.

Ein Bild ist eine Konstruktion einer Wirklichkeit. Wir können nicht mehr zwischen Sein und Schein unterscheiden, wenn eine Technologie die eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen mit einer Simulation in Einklang bringt. So lässt sich unser Unterscheidungsvermögen für reale und imaginierte Räume und Zeiten täuschen. Es war nicht so, aber es könnte so gewesen sein.

Das Bild vom Gewitter ist eine Montage, das Gewitter war echt.

Roland Barthes schreibt: Le Noema de la PHOTOGRAPHIE est simple, banal, n'a pas de profondeur: « Il a été ainsi. »Roland Barthes , La chambre claire, Éditions de l'Etoile, 1980

Trifft das heute noch zu?

siehe auch Roland Barthes