Donnerstag, 7. August 2008

Joachim Ringelnatz - ¡Presente!


An Berliner Kinder

Was meint ihr wohl, was eure Eltern treiben,
Wenn ihr schlafen gehen müßt?
Und sie angeblich noch Briefe schreiben.
Ich kann’s euch sagen: Da wird geküßt,
Geraucht, getanzt, gesoffen, gefressen,
Da schleichen verdächtige Gäste herbei.
Da wird jede Stufe der Unzucht durchmessen
Bis zur Papagei-Sodomiterei.
Da wird hasardiert um unsagbare Summen.
Da dampft es von Opium und Kokain.
Da wird gepaart, daß die Schädel brummen.
Ach schweigen wir lieber. - Pfui Spinne, Berlin!


und, zu seinem Geburtstag, noch ein Geburtstagsgedicht von ihm:


Ich hab' Dich so lieb


Ich habe Dich so lieb!
Ich würde Dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen
schenken.

Ich habe Dir nichts getan
nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei - verjährt -
doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
ist leise.

Die Zeit entstellt
alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
an einem Sieb.
Ich habe Dich so lieb.

Joachim Ringelnatz, 1883-1943

1 Kommentar:

  1. Lars K. Christensen08 August, 2008

    Martin, I think you made a typo in Ringelnatz year of death. Not that I knew anything about him before, but you posting made me curious, so I looked him up at wikipedia ;-)

    Lars

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