Dienstag, 16. Januar 2007

AWB oder WB, das ist die Frage/AWB or WB, thats the question

Wie war das noch mal …?

Wer einen Film in die Kamera einlegt, hat sich bereits für einen Weißabgleich entschieden: entweder Tageslicht oder Kunstlicht.
Gut, es gab noch Portraitfilm für sanftere Hauttöne, Film der mit Blitzanlagen eine korrekte Farbwiedergabe garantieren sollte, aber dann war bald schon das Ende der Fahnenstange erreicht.

Diafilm zeigte uns die Welt "wie sie ist": warmgelb am morgen, tagsüber je nach Wetter mit satten Farben, aber tiefblauen Schatten, grünlich-kranke Hauttöne unter dem Blätterdach der Bäume, Innenräume von Neonlicht senfgelb überzogen. Abends wurde es rötlich-warm, und vor allem bei Glühlampenlicht in der Kneipe, heiß wie im Hochofen.



… und heute?

Heute haben wir "Automatic White Balance" AWB und plötzlich sieht alles (fast) gleich aus: der Morgen ist vom Abend nicht mehr zu unterscheiden, Neonlicht sieht aus wie eine Normlichtquelle, Sonnenuntergänge verlieren ihre Dramatik. Einzig dem Glühlampenlicht wird manchmal noch etwas von seiner warmen Stimmung gelassen.

Wir können bestimmte Lichtquellen gezielt farblich neutralisieren, indem wir WB für Neonlicht, Glühlampen, Schatten etc. wählen. Oder mit einem Weißabgleich auf ein geeignetes Medium fast aufs Kelvin genau dem Licht jede Möglichkeit nehmen, seine Umwelt nach eigenem Belieben einzufärben.



AWB oder WB?

Aber was soll's eigentlich? Was ist der Grund für unseren Neutralisierungswahn?
Natürlich, unsere Augen sind bei jeder Lichtfarbe in der Lage, weiß als weiß zu sehen. Die Erfahrungsbibliothek unseres Gehirns macht es möglich. Sogar Mischlichtsituationen gleichen wir auf perfekte Weise aus.

Einzig der Blick aus unserem erleuchteten Wohnzimmerfenster hinaus in die Dämmerung, erlaubt uns, die Blaue Stunde zu sehen, oder von draußen in warm erleuchtete Wohnungen zu schauen.

Aber schon kurz nachdem wir den Reinraum einer wafer-produzierenden Firma betreten haben, sehen wir nichts mehr von der intensiv-gelben Beleuchtung, die dort herrscht.

Was machen wir nun? Stellen wir das Gelblicht neutral? Lassen wir die Beschäftigten weiße oder gelbe Arbeitskleidung tragen? Wird aus der Blauen Stunde eine Graue Stunde?


Mut zur Stimmung!

Seit einiger Zeit mache ich ein Experiment: fotografiere ich draußen bei Tageslicht, stelle ich die Kamera auf 5400 Kelvin, bei Kunstlicht auf 3400 Kelvin.
Und tatsächlich, im Licht schwingen wieder Stimmungen mit, mal kalt, mal warm, mal blau mal grün.

Ausnahmen mache ich bei Blitzaufnahmen und Mischlicht, weil meine Erfahrung ist, dass in diesen Situationen der AWB der Kamera plausiblere Ergebnisse liefert. Vielleicht, weil die Elektronik einfach mehr faule Kompromisse eingeht, als ich gewillt wäre.

Seien wir ehrlich, wenn wir ein Foto sehen, bei dem die natürliche Lichtstimmung erhalten ist, empfinden wir das nicht als einen vermeidbaren technischen Mangel. Ganz im Gegenteil! Wenn ich oft bei eigenen Fotos neutrale Farben als ein handwerkliches Muss betrachtet habe, konnte ich die Bilder von Kolleginnen und Kollegen viel entspannter betrachten und feststellen, dass nicht nur Licht und Schatten, sondern auch "Stimmung" Akzente setzt.

P. S.: dass in der Farbfotografie oft eine Diskrepanz zwischen Bildaussage und (nichtkontrollierbarer) Farbe besteht, steht auf einem anderen Blatt.
Oder einem anderen Post?
Beiträge dazu - auch zu anderen Themen - sind sehr erwünscht!





In former times…


Who inserted a film into the camera, had already decided for a white balance: either daylight or artificial light.

Well, there was also the portrait-film for gentle skin tones and a film for color reproduction under controlled light conditions, but then the end of the flag bar was already reached.

Slide-film showed us the world “as it is”: warm-yellow in the morning, during the day - depending on weather - with deep colors, but deep-blue shade, greenish-ill skin tones under the sheet roof of the trees, interiors of neon light mustard-yellow covered. In the evening it became reddish, and particularly with lamp light in the tavern, hot as in the blast furnace.


… and today?

Today we have “Automatic White Balance”, AWB, and suddenly everything looks (nearly) the same: the morning is not to be differentiated from the evening, neon light looks like a standard source of light, sunsets loses its dramatic. Only sometimes the warm ambience is left to the lamp light.

We can neutralize certain sources of light by selecting the WB for neon light, lamps, shade etc. Or with a white balance on a suitable medium exactly on Kelvin, we can prevent the light dyeing its environment after own liking.


AWB or WB?

But what the heck with it? What is the reason for our neutralization illusion?
Naturally, our eyes have the ability to see white as white in each color of light. The experience library of our brain makes it possible. Even mixed light situations we adjust on a perfect way.

Only the view from our illuminated living room window outside into the dawn, permits us, to see the blue hour, or to look from outside into warmly illuminated dwellings.

But already briefly after we entered the pure area of a wafer-producing company we see nothing more from the intensive-yellow lighting, which prevails there.

What do we make now? Do we place the yellow light neutrally? Do we let the employees carry white or yellow work clothes? Does a the Blue Hour become a Grey Hour?


Courage for ambience!

I make an experiment for some time: if I photograph outside with daylight, I set the camera on 5400 Kelvin, in artificial light to 3400 Kelvin. And actually, in the light ambiance swings again, sometimes coldly, sometimes warm, sometimes blue, sometimes green.

I make exceptions with flash photographs and mixed light. Because my experience is, that in these situations the AWB of the camera supplies more plausible results. Perhaps, because electronics makes better of a shady business than I could do.

Honestly, if we see a photo, in which the natural lighting effect is conserved, we do not offend as an avoidable technical lack.
On contrary! If I often regarded neutral colors within my own photos as a relating to crafts, I could regard the pictures of colleagues more relaxed and notice, that not only light and shade, but also “ambience” set accents.

P.S.: the fact that in color photography often exists a discrepancy between picture statement and (not-controllable) color, that's another story.
Or another post?
Contributions in addition - also to other topics - are desired!



1 Kommentar:

  1. Thomas Geiger16 Januar, 2007

    Hallo Martin,

    kann ich nur bestätigen. Neulich in der Vorweihnachtszeit, die Kamera stand mal wieder auf AWB, versuchte ich ein stimmungsvolles Bild zu bekommen, so wie früher, mit blauer Stunde und schönen Glühlampen auf den Weihnachtsbäumen (Postkarte halt). Aber es hat immer grausam (neutral) ausgesehen. Und da hab ich mich auch besonnen, dass man das eben in der vordigitalen Zeit mit Tageslichtfilm fotografiert hatte. Also flugs die Kamera auf Tageslicht gestellt und schon war sie wieder da, die Stimmung. Gut mit Schnee wärs noch schöner gewesen, aber hatten wir ja nicht.

    Thomas

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